Das Innere Kind – 2

Erste Schritte zur Selbstannahme: Dem inneren Kritiker etwas entgegensetzen.

Hier geht´s nochmal zu Teil 1

In meiner Kindheit war ich von meinen Eltern existenziell abhängig und war deshalb gezwungen, ihre Sicht auf meine nicht erfüllten Bedürfnisse zum Teil zu übernehmen. Erst in der inneren und teilweise auch äußeren Abgrenzung zu meiner Familie, konnte ich mich von ihren Sichtweisen auf meine Persönlichkeit nach und nach lösen.

Das unbewusste Übernehmen der elterlichen Sicht auf das eigene Selbstbild, behindert bei vielen Menschen die Möglichkeit zur Selbstheilung. Heilung kann oft erst in vollem Maße stattfinden, wenn du ehrlich zu dir selbst bist und auch wenn du dir dazu vielleicht eingestehen musst, dass dir bisher etwas entscheidendes im Leben fehlt.

Anstatt sich von Gefühlen der inneren Leere und der Sehnsucht nach Liebe abzulenken, müssen wir uns diesen Gefühlen des Mangels, der oft in uns vorherrscht mutig stellen. Ein normales Ego ist im Alltag jedoch häufig so beschäftigt, dass es meistens gar nicht mit diesen inneren Gefühlen konfrontiert wird. Wir haben alle unzählige Strategien, Ablenkungen und Abwehrmechanismen entwickelt, um unsere Traumaanteile möglichst bedeckt zu halten. Aber wenn wenn wir einmal anhalten und in uns hineinspüren, was nehmen wir dann wahr? 

Wie leicht fällt es Dir anzuhalten? Oder gehörst du auch zu denjenigen, die sich immer mit irgend einer Sache beschäftigen, um bloß nicht fühlen zu müssen, was im Inneren Bedrohliches auf sie wartet?

Abwehrstrategien haben natürlich auch einen Sinn, denn sie helfen uns ein Gefühl abzuwehren, welches wir zurzeit nicht verarbeiten können.

Und eine zeitlang funktioniert die Ablenkung ja auch ganz gut. Allerdings leben wir auf diese Weise keineswegs immer glücklich. Bei mir war es so, dass mich eine schwere Lebenskrise mit meinem Trauma konfrontiert hat, so dass ich nicht mehr daran vorbei schauen konnte. Und natürlich hatte dieser Ausbruch meines Traumas auch mit meinem spirituellen Erwachen zu tun. Denn in der Regel hält sich das volle Ausmaß des Traumas bei den meisten Menschen sehr bedeckt, so dass man es bei diesen Menschen gar nicht offensichtlich bemerkt und bei anderen nur durch die Konflikte, die ein Mensch mit seiner Umwelt hat, erahnen kann.

Das Trauma zeigt sich in der Regel schichtweise und somit haben wir oft noch gar keine innere Verbindung zu den tieferliegenden Trauma – Schichten unseres Bewusstseins.

Auch können diverse Krankheiten ein Hinweis auf ein dahinterliegendes Trauma sein und somit eine Möglichkeit über das Symptom einen Zugang zu traumatischen Anteilen zu erhalten.

Und somit war ich früher ständig im inneren Kampf gegen das dogmatische Weltbild und die emotionale Kälte meiner Eltern, dabei musste ich verstehen, dass ich mich selbst meinem Schmerz zuwenden musste. Auch übertrug ich diese Sehnsucht nach Annahme, die ich in meiner Familie nicht fand, auf andere Menschen und Gruppen und erlebte durch meine eigene unbewusste Selbstablehnung immer wieder Situationen des Unverständnisses und Gefühle der Einsamkeit. Ich projizierte meinen Elternkonflikt auf die gesamte Umwelt. Da dieses unbewusst war, bemerkte ich es nicht.

Als ich zunehmend zu einer eigenen Annahme meiner selbst fand, änderte sich dieses. Dieses gelang mir, als ich auch im Außen Personen traf, die mir durch ihr konkretes Beispiel der Selbstannahme halfen, eine Selbstannahme für mich zu finden. Heute möchte ich anderen Menschen helfen, eine Akzeptanz für ihre individuelle Persönlichkeit und ihre Bedürfnisse zu finden.

Konditionierung

Wir werden alle durch Erziehung und Sozialisation geprägt, und bauen mit der Zeit immer mehr Konditionierungen auf, die unsere Freiheit, authentisch mit uns selbst zu sein, immer mehr einschränkt und in eine gesellschaftlich akzeptable Richtung lenkt.

Ein Kind kommt urteilsfrei auf die Welt. Erst die Erwachsenen bringen ihm bei, authentische Bedürfnisse zu verurteilen und zu unterdrücken. Meiner Meinung nach, soll das bis zu einem gewissen Grade auch so sein, weil ein Kind hier auf der Welt ist, um etwas Neues zu lernen und ein Ego aufbauen möchte, welches ihm eine ganz bestimmte Lebenserfahrung ermöglicht.

Dazu braucht es das Urteilsvermögen!

Unser Problem ist aber, dass aus der Fähigkeit zu urteilen ein Selbstläufer wird, aus dem wir einen unbewussten Urteils-Wahn machen, bis wir schließlich selbst darunter leiden. Irgendwann sind wir so angepasst an gesellschaftliche Normen, dass es keinen Raum mehr für unseren individuellen Selbstausdruck gibt. Wir beurteilen und kritisieren uns selbst und andere Menschen, bis keine Liebe mehr übrig bleibt. Wir sind allgemein urteils- und kritiksüchtig.

Der Anteil des Kritikers, den ich mithilfe des Enneagramms über Jahre intensiv studiert habe, war ursprünglich sehr stark in mir ausgebildet. Der Kritiker ist eine Funktion unseres Geistes, welcher uns hilft Wesentliches von Unwesentlichem und Konstruktives von destruktiven Lebensinhalten unterscheiden.

Mein kritisches Denken hat in vielfacher Weise mein Bewusstsein erweitert. Deshalb möchte ich den Anteil des Kritiker nicht einseitig verurteilen, denn ich würdige ihn sehr. Ja, auf meinem Altar steht sogar eine Figur der indischen Göttin Kali, die diese Kraft für mich symbolisch darstellt, da ich sie sehr verehre, weil ich um ihre Heiligkeit weiß.

„Die Gläubigen sehen sie trotz ihrer schrecklichen Gestalt auch als Beschützerin der Menschen und göttliche Mutter, als Kalima, da ihre zerstörerische Wut sich nicht gegen die Menschen, sondern gegen Dämonen und Ungerechtigkeit richte. In dieser furchterregenden Manifestation ist die Göttin zuständig für die Auflösung des Universums; die Sichel in der Hand deutet auf die Ernte, auf das Ende des Lebens. Kali ist auch „Kala“, die Zeit, und die Zeit vernichte und verschlinge alles.

Die Sichel ist ihren Anhängern aber nicht nur ein Symbol des Todes, sondern kann als Werkzeug der Erlösung verstanden werden: Sie durchschneide Verwirrung, Unwissenheit und Bindungen und mache dadurch den Weg frei zur Erlösung.

Damit gilt Kali auch als Zerstörerin der negativen Kräfte und Illusionen, die den Menschen daran hindern, Heil zu erlangen und den Geist zu befreien, um dem Kreislauf der Wiedergeburten, dem Samsara, zu entkommen.

Als Göttin des Todes ist Kali also auch eine Göttin der Transformation, sie ist die Mutter, die das Leben gibt, und sie ist es auch, die es wieder zurücknimmt. Im Shaktismus gilt sie als Manifestation des Höchsten und wird als gnadenreiche Mutter und Erlöserin verehrt.

Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Kali_(G%C3%B6ttin)

Auch mittels psychologischer Persönlichkeitsanalyse mit dem Enneagramm habe ich mich eingehend mit dem Anteil des Kritikers beschäftigt, der im Ennegramm im dem Typen der Eins, mit psychologischen Hintergrund ausgiebig beschrieben wird. Der Kritiker hat eine wichtige Funktion für die Entwicklung eines freien und offenen Geistes, denn er vermag es, einschränkende Glaubenssätze zu durchschneiden und unser Bewusstsein somit zu befreien. In vielen Menschen läuft der Kritiker jedoch als autonome Kraft, als ständig aktives Programm, dessen wir uns nicht immer bewusst sind.

Die Innere Kind Arbeit dreht den Prozess der unbewussten Kritiksucht wieder um und lehrt uns die Annahme, die uns immer gefehlt hat. Gerade weil ich selbst ein großer Kritiker bin und diese Eigenschaft sehr schätze, empfinde ich es als sinnvoll, dem Anteil des Kritikers einen ausgleichenden Anteil entgegenzusetzen

Es geht also nicht darum den Anteil des Kritikers auszugrenzen, sondern es soll ihm eine gleichwertige und liebevolle Annahme als ausgleichende Kraft entgegengesetzt werden. Das bringt den Menschen ins Gleichgewicht!

Wenn ein Mensch traumatisiert ist, ist er aus dem Gleichgewicht gefallen. Deshalb geht es jetzt darum, dieses Gleichgewicht wieder herzustellen. Ganzheit entsteht, wenn wir beides bewusst können:

Urteilen (Ur-Teil) und durch Annahme zusammenfügen. Erst das bringt dich in die Macht eines befreiten Selbst.

Allerdings kostet es häufig erstmal etwas Mühe, um unserem inneren Kind auf die Beine zu helfen, indem wir einen liebevollen Inneren Erwachsenen entwicklen. Dieses ist ein Weg, der sich allemal lohnt.

Selbstliebe

Meine spirituellen Bekanntschaften, haben mir immer von Selbstliebe erzählt. Aber für mich war das früher ein sehr großes Wort. Viele haben gesagt, ich soll mich „einfach“ selbst lieben. Aber wie das funktionieren soll, konnte mir niemand erklären. Aufgrund meines Entwicklungstraumas hatte ich damals nicht die Möglichkeit eine selbstliebende Haltung auszubilden. Daher habe ich mich durch solche Kommentare meist noch mehr ausgeschlossenen und innerlich verlassen gefühlt. 

Später verstand ich, ihnen ist diese Liebe scheinbar zugefallen, ohne dass sie selbst verstanden haben wie. Ich empfand diese Kommentare immer als hochmütig, weil sich niemand auf meine Ebene des verletzten Kindes begeben konnte, was aber notwendig gewesen wäre, um mir zu der Erfahrung von Selbstliebe zu verhelfen. Du kennst das sicher selbst, wenn Ratschläge, mögen sie auch gut gemeint sein, dich emotional nicht erreichen können und man eher noch mehr in den Widerstand geht, statt sich einlassen zu können.

Erst als ich Menschen traf, die bereit waren, mit meinem Schmerz zu sein und ihn mitzutragen, habe ich andere heilende Beziehungserfahrungen gemacht. Ich glaube, um der Mensch zu werden der ich sein möchte, musste ich von Grund auf verstehen, wie ich Selbstliebe entwickeln kann. Daher erlebte ich ein schrittweises Erwachen. Ich wäre nicht glücklich gewesen, wenn ich nicht in der Lage gewesen wäre, anderen Menschen meine Erfahrung weiterzugeben. Ich hätte sonst, wie manche Spirituelle, keine Worte dafür und dann wäre ich nicht ich selbst.

Aus diesem Grund ist für mich die Heilung des kindlichen Traumas auch für meinen eigenen spirituellen Weg sehr wichtig gewesen. Die Erfahrungen mit den für mich falschen spirituellen Lehrern, haben mich auf der Suche nach mir selbst stark geprägt und veranlasst, einen anderen Wege zu gehen, in diesem Fall einen der die Persönlichkeit mit einschließt.

Es kann natürlich sein, dass manche Menschen Selbstliebe einfach so aus Gnade erfahren haben, ohne dass sie aktiv einen Weg dorthin gehen mussten. Auch ich kenne Erfahrungen der Gnade. Daher möchte ich deren Erfahrung auch nicht kritisieren. Jedoch möchte ich hier von der Möglichkeit einer schrittweisen Entwicklung der Selbstliebe sprechen, die sich jeder Mensch ob spirituell oder nicht, aktiv erarbeiten kann.

Wer in der Kindheit keine Liebe erhalten hat oder sie zumindest nicht gespürt hat, wie soll der sich dann selbst lieben?

Ich würde deshalb das Wort Selbstliebe gerne erst einmal herunterbrechen auf das Wort Selbsthilfe.

Aus der Bereitschaft zur Selbsthilfe wird schließlich Selbstliebe. Das geht aber nicht von heute auf morgen und braucht deine Bereitschaft dich deinen traumatischen Gefühlen zu stellen. 

Ich möchte im nächsten Teil konkrete und praktikable psychologische Methoden zur Selbstliebe und Selbstannahme erklären, die jeder Mensch schrittweise gehen kann, ganz unabhängig von spirituellen Zuständen, die manchen Menschen aus einer Gnade heraus geschehen können.

Ich schreibe diesen Text gezielt, um jenen Menschen eine praktische Anleitung zu geben, die in der Kindheit einen Mangel an Liebe erfahren haben und die immer das Gefühl hatten, dass sie an die Lebensfreude und Leichtigkeit anderer Menschen nicht heranreichen, da die entscheidenden Ressourcen des Urvertrauens, die in der Kindheit als Anlage für eine spätere stabile Persönlichkeit notwendig gewesen wären, gefehlt haben. 

Mein Text eignet sich also auch für Menschen, die keinen Bezug zum Thema Spiritualität haben und über den Weg der Psychologie einen Zugang zu ihrem Trauma finden möchten. Lediglich im vierten Teil möchte ich auf das Göttliche Kind eingehen, welches dir als innerer spiritueller Lehrer dienen kann.

In Teil drei geht es um konkrete Techniken und im fünften Teil möchte ich dir noch als mal zusammenfassend die wichtigsten Schritte zur Inneren Kind Arbeit an die Hand geben.

Wenn du Interesse an meinem Text über das innere Kind hast, dann abonniere doch meinen Blog rechts oben im Menü und lasse dich per Email benachrichtigen, wenn der nächste Teil dieser Artikelserie erscheint.

Ich schreibe im Allgemeinen über die Themen Psychologie, Spiritualität, Traum & Wirklichkeit.

Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit.

Du musst sie dir nur selbst geben!

Im nächsten ArtikelDas innere Kind – 3 – Erste Kontaktaufnahme und bedingungslose Hingabe. – erfährst du, wie du erste konkrete Schritte im Alltag machst, um dir Selbstannahme zu geben.

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